Träumen mit dem Wind.....

von

Cathy L. Palmer

2 ______________________________ Vivian und Richard

Sie waren gerade gross genug, um das Kinn auf den Querbalken
des von Rosen eingerahmten Gartentors zu stützen und hinaus
in die Welt zu blicken.

Dennoch war Vivian um einen halben Kopf kurzer
als ihr Zwillingsbruder Richard,
und sie musste auf Zehenspitzen stehen.

Hinter ihnen glühte in der Septembersonne das kleine,
aus weissen Schiffsbohlen mit zartgelben Nuancen
abgesetzte Herrenhaus.
Eine Glyzine umspielte mit ihren blauen Reben
den Terrassenvorbau,den man durch zwei Stufen erreichte.
Immer noch schwang die Schaukel zwischen den weissen
Holzsäulen leicht hin und her,
auf denen die Kinder vorher gesessen hatten.

Der Garten leuchtete in allen nur denkbaren
Farben eines Tuschkastens.
Ringelblumen strahlten wie kleine Sonnen
im Himmelblau und Violett
des duftenden Lavendels und Salbeis.
Sie konnten das Summen der Bienen inmitten
der blühenden, feuerroten Monarden hören,
das Brummen der von Nektar ganz dick gewordenen Hummeln,
die auf den Halmen der Lavendeldolden
lustig auf und ab schaukelten
und vollbepackt mühsam weiterflogen.
Das Surren der schillernden Libellen,
um die im leichten Wind wippenden Goldruten,
erfüllte die Luft.
Eine Lerche trillierte im wolkenlosen Himmel
und über dem Wald lag der bläuliche Dunst
der Spätsommerhitze.
In der Stille klang hin und wieder der Ruf einer Elster und das
monotone Trommeln eines Spechtes.

Man könnte ihn wohl sehen, wenn man dort drüben wäre,
und die drolligen Eichhörnchen bestimmt auch. - Ja, bestimmt!
Richard hob das Kinn zielstrebig vom Gartentor
und schob es herausfordernd vor.

„Morgen werde ich in den Wald gehen“,
erklärte er seiner Schwester mit festem Entschluss.
„Das wird Mutter nicht erlauben“, meinte Vivian.
„Morgen hat Mutter mir nichts mehr zu sagen“,
entgegnete Richard.
„Morgen werde ich lange Hosen bekommen,
und nächste Woche gehe ich zur Schule.
Ich bin jetzt gross!“


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